Zwischen Willkommenskultur und Ängsten
Hall in Tirol
Donnerstag, den 04. Februar 2016 um 09:49 Uhr

skaliert_-_DSC_0028Großes Interesse an der neuen Flüchtlingsunterbringung in der Haller Zollstraße zeigte die Bevölkerung bei der Informationsveranstaltung von Land und Stadt. Die Fragen und Aussagen der Bürger zeigten viel Empathie für die Flüchtlinge, aber auch große Unsicherheit und Ängste.

 

Randvoll besetzt war am 21. Januar die Mehrzweckhalle im Magdalenengarten. Die Informationsveranstaltung der Tiroler Sozialen Dienste, die für die Grundversorgung der Flüchtlinge im Bundesland zuständig sind und der Stadt Hall zur Flüchtlingsunterbringung in der Haller Zollstraße interessierte viele Haller Bürger, besonders die direkten Nachbarn. Bei der Begrüßung betont Bürgermeisterin Eva Maria Posch die gute Tradition der Asylwerber-Aufnahme in Hall. „Hall hat seit 1956 immer wieder Flüchtlinge aufgenommen und es gibt gute Erfahrungen.“ Bei der neuen Unterbringung von Asylwerbern in der Zollstraße sei die Anzahl der Personen zwar höher als bisher, aber „ich gehe davon aus, dass wir das meistern, die Unterbringung passt in den Rahmen der Stadt,“ so Posch. Zahlreiche Ehrenamtliche hätten bereits jetzt Unterstützung bei der Betreuung der Flüchtlinge zugesagt. „Das Sozialamt der Stadt Hall ist die Ablaufstelle, wo sich Ehrenamtliche Helfer melden können“, wies die Bürgermeisterin hin.

 

Traglufthalle als rasch einrichtbare Form

 Grundsätzlich verantwortlich und zuständig für die Betreuung der Flüchtlinge, die Traglufthalle und sämtliche rechtlichen und Sicherheits-Angelegenheit sind die Tiroler Sozialen Dienste. Bei der Informationsveranstaltung in Hall berichtete Pressesprecher Georg Mackner, dass die TSD derzeit 170 Standorte tirolweit für die Flüchtlingsbetreuung installiert hat. Das Modell der Traglufthalle ist in Hall zum ersten Mal in Verwendung, man habe sich ein gleiches Projekt im Bayerischen Taufkirchen angesehen und für gut befunden. „Wir können nicht nur kleine Behausungen anbieten. Aufgrund der Flüchtlingsströme müssen wir auch größere Unterkunftsformen verwenden. Die Traglufthalle ist eine rasch einrichtbare Form, die auch ein gutes Klima schafft. An großen Standorten ist das Volumen der Integration größer, die Personen können hier die Tagesstruktur besser planen. Die Aufenthaltsräume sind in der Halle drinnen, damit können hier auch gut Deutschkurse angeboten werden“, so Mackner. Gleichzeitig stünde den Bewohnern in ihren Wohnkojen Rückzugsraum zur Verfügung. 240 Personen sollen in der Traglufthalle in der Zollstraße untergebracht werden, vor allem Familien möchte das Land Tirol hier unterbringen. Für die Sicherheit werden eine Security-Mannschaft, Nachtbegleitung und Betreuer sorgen, erklärt der TSD-Mitarbeiter weiter. Der Zugang für die Traglufthalle wird direkt über die Zollstraße angelegt. Die Besiedlung der Halle werde ab Februar beginnen, witterungsbedingt waren einige Arbeiten verzögert worden, berichtete Mackner.

 

Hauptsächlich Familien eingeplant

Bei der an die Projektvorstellung anschließenden Fragerunde offenbarten sich sehr unterschiedliche Zugänge zum Thema Flüchtlinge in der Bevölkerung. Großes Interesse bezeugten die Haller für die Einrichtung der Traglufthalle. Georg Mackner erzählte von dem Modell in Deutschland: „Die Plane der Traglufthalle ist lichtdurchlässig, damit erhalten wir eine tagähnliche Beleuchtung. Über Lufttauscher wird die Halle mit Frischluft versorgt.“

Ein großes Thema war die Struktur der Flüchtlingsunterbringung in Hall. „Es ist bekannt, dass zwischen 70 und 80 Prozent der Flüchtlinge junge alleinstehende Männer sind. Kann uns garantiert werden, dass hier in der Zollstraße nur Familien untergebracht werden“, fragte etwa eine Besucherin der Infoveranstaltung bei Bürgermeisterin Posch an. Die Zuweisung der Asylwerber in die einzelnen Unterkünfte sei Zuständigkeit des Landes, erklärte Georg Mackner von den TSD, man sei aber bestrebt, in Hall hauptsächlich Familien einzuquartieren.

Bewohner der Zollstraße sorgen sich um die Sicherheit in der Stadt und speziell in ihren Wohnblöcken. Nach den Vorfällen in Köln hätten sie Angst, meinten mehrere junge Frauen. Sie fragten nach, wie die Stadt auf etwaige Übergriffe durch die Flüchtlinge vorbereitet sei und welche Konsequenzen es bei Vorfällen gäbe. Georg Mackner von den TSD erklärte dazu, dass die Sicherheitskräfte in Hall ein besonderes Augenmerk auf die Flüchtlingsunterkunft haben werde. Verbrechen würden nach österreichischem Recht von Gerichten geahndet, zudem würde etwaige rechtliche Verfehlungen in den Asylanträgen der Flüchtlinge vermerkt. „Delikte haben Einfluss auf das Bleiberecht,“ unterstrich auch Gerhard Niederwieser, Polizeikommandant des Bezirkes Innsbruck-Land. „Wir haben in der Region mehrere Unterbringungsstätten für Asylwerber, in den Familien gab es kaum Anlassfälle“, blickte er auf eine entspannte Lage. „Wir sind grundsätzlich auch für große Einsätze gut vorbereitet, ebenso wie Rettung und Feuerwehr.“ Als Ansprechpersonen, wenn sich Haller von den Flüchtlingen bedroht fühlen sollten stehen sowohl Heimleitung als auch die Polizei bereit, ergänzte Georg Mackner.


Integration gefragt

„Es gibt für die Flüchtlingsunterkünfte ein Casemanagementteam und Integrationsbeauftragte“, berichtete Florian Stolz, Leiter der Integration bei den TSD, weiter. Außerdem werde sich die Stadt Hall darum bemühen, die TSD bei den Aktivitäten zu unterstützen, ergänzte Bürgermeisterin Posch. „Es haben sich schon viele Vereine und Freiwillige bei der Stadt gemeldet, die etwa Musik- und Deutschkurse für die Asylwerber machen wollen. Natürlich ist es wichtig, dass die Menschen für die Wartezeit auf ihre Asylanträge ein sinnvolles Beschäftigungsprogramm haben. Schnittstelle für die Koordination wird das Sozialamt sein. Bisher hat das Zusammenleben mit den Flüchtlingen in Hall stets gut funktioniert.“ Diese Haltung konnten nicht alle Bewohner der Zollstraße teilen. In mehrere Wortmeldungen betonten Anrainer, dass sie Sorge hätten, die Flüchtlinge würden sich in den Gärten der angrenzenden Häuser aufhalten. „Dann haben wir Angst, auf die Straße oder in den Garten zu gehen“, wiederholte eine junge Frau die Befürchtungen.

Auch die medizinische Versorgung der Flüchtlinge interessierte die Haller. „Bei der Registrierung der Asylwerber in den Erstaufnahmezentren gibt es eine medizinische Abklärung bei allen Ankommenden, bei der Gesundheitszustand und Impfungen kontrolliert werden. Auf lokaler Ebene arbeitet das Land Tirol mit den heimischen Ärzten und den Maltesern zusammen. Alle Asylwerber sind außerdem krankenversichert“, gab Georg Mackner dazu Auskunft.

 

Aufruf zu Solidarität

Viele Haller Bürger stellten bei dem Informationsabend zur Flüchtlingsunterbringung klar, dass sie die Asylwerber gerne in der Stadt willkommen heißen. Pfarrer Jakob Patsch etwa wandte sich an die Bürger: „Wir sollten diesen Leute christliche Nächstenliebe entgegenbringen“. Von guten Erfahrungen mit Flüchtlingen erzählten mehrere Freiwillige, unter ihnen eine junge Frau, die beim Asylheim in Volderberg mithilft. Sie erwiderte auf die Befürchtungen mehrerer Diskutantinnen, die sexuellen Übergriffe durch die Flüchtlinge befürchteten: „Die Männer im Flüchtlingsheim behandeln Frauen sehr höflich und zuvorkommend.“ Eine Dame, die vor 20 Jahren aus dem Ausland nach Österreich kam, unterstrich die Gastfreundschaft hier, die ihr stets entgegengebracht worden war: „Österreich ist ein beliebtes Asylland und ein zivilisiertes Land. Man sollte die Schwierigkeiten aussprechen und diskutieren.“ Auch andere Wortmeldungen betonten eine differenzierte Betrachtungsweise. „Radikalisierungen sollten wir vermeiden“, so eine Dame. „Jeder von uns sollte sich überlegen, was er oder sie als Einzelner tun kann damit das Zusammenleben mit den Flüchtlingen gut funktioniert.“

 

 
 

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